Die letzten Tage waren schwierig. Ich kann nicht wirklich sagen, was es ausgelöst hat – vielleicht war es der Tag, als wir an einen Ort aus unserer Vergangenheit gingen, vielleicht war es die Beschäftigung mit dem Thema Therapie und Hilfe, welches hier ein großer Trigger ist, vielleicht war es der dazugehörige Anruf, für den ich mich lange überwinden musste und bei dem ich eine Bauchlandung gemacht habe, die mich ordentlich durchgeschüttelt hat, vielleicht ist es der Termin beim Schmerzarzt, zu dem ich eine Entscheidung treffen soll, mit der ich einfach nur überfordert bin, vielleicht ist es mein bevorstehender Geburtstag oder vielleicht ist es auch etwas ganz anderes. Oder vielleicht ist es, wahrscheinlich sogar, eine Mischung aus allem.
Eine Mischung aus Gedanken und Gefühlen, Vergangenheit und Gegenwart, sortieren müssen und so oft nicht mehr wissen, was wohin gehört.
Eine Mischung aus sich selbst halten und immer wieder den halt verlieren, sich zusammensetzen und immer und immer wieder das gefühl, alles bricht nach und nach auseinander – innen und außen und ich weiß nicht mehr, wo anfangen.
Und irgendwann, mitte letzter Woche kam das Gefühl der schwere – bleiplatten legten sich auf meine Brust und irgendwann bedeckten sie den ganzen körper.
Die nächsten Tage ging hier so gut wie gar nichts mehr. Nur aushalten, durchhalten, überleben. Irgendwie. Teilweise ist die Zeit völlig im Nebel verschwunden.
Seit heute morgen geht es ein kleines bisschen besser.

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Ich schaffe es gerade noch, deinen Anruf entgegenzunehmen bevor die Mailbox anspringt und während ich mich melde, stopfe ich hastig die letzten Dinge in meinen Rucksack. Du willst wissen, ob ich zum Sport fahre, ob die Termine alle klappen und ich bin verwirrt über deine Fragen. Wegen solchen Dingen rufst du nie an – wieso auch? Ich antworte kurz und höre selbst, wie abwesend und in Eile ich klinge und ärgere mich über mich selbst. „tut mir leid, dass ich störe“, sagst du und in meinem Magen bildet sich ein dicker Kloß. Dieser Satz – diese Worte – dieses Gefühl dahinter – DU sagst sowas nicht einfach so. Ich stelle den Rucksack ab, atme tief durch und hänge die Jacke, die halb über meiner Schulter hängt wieder zurück an ihren platz. „Nein“, sage ich, „du störst nicht. Ich habe Zeit.“ Und ich meine es auch so. Ich habe genug Zeit, bis ich los muss.
Ich setze mich ins Wohnzimmer und warte. Schweigen.
Ich frage mich, warum du angerufen hast und ob es komisch klingen würde, würde ich dir genau diese Frage jetzt stellen.
Nach einigen Minuten greifst du das Thema von gestern morgen wieder auf – das, von dem ich nicht wirklich etwas mitbekommen habe, weil ich schon längst an dem Ort aus meiner Vergangenheit war. Du fängst an zu erzählen – die Mutter unserer gemeinsamen bekannten (ich kenne nur die bekannte ein bisschen), der bruder, der ex nummer 1…und ich komme einfach nicht mehr mit. Du hörst auf zu erzählen und es herrscht wieder schweigen.
Irgendetwas läuft schief und ich verfluche das Telefon. Direkte Kommunikation ist schon schwierig aber per Telefon noch etwas mehr und zwischen uns beiden…da ist so viel wollen aber irgendwie nicht hinkriegen.
Und dann spüre ich Traurigkeit bei dir, die ich noch weniger verstehe.
Irgendwann fängst du an, das Gespräch zu beenden und ich sage nur – mehr aus einem Impuls heraus: „ich befürchte, du musst mir das von gestern morgen alles nochmal erzählen. Ich war nicht ganz bei der Sache und irgendwie komme ich jetzt nicht mehr mit.“ Und mit einem Schmunzeln füge ich hinzu: „Das mit der Pflege hab ich schon verstanden aber Himmel, wer ist jetzt wer? Das müsstest du mir nochmal erklären.“
Und dann redest du wie ein Wasserfall und als ich das Telefon zur Seite lege, schwirrt mir der Kopf vor lauter Namen und einer Familiengeschichte und ich verstehe immernoch nicht, warum du nun eigentlich angerufen hast.
Erst auf dem Rückweg vom Sport kommt mir der Gedanke, dass meine Abwesenheit gestern auf dich genauso gut wie „interessiert mich nicht“ gewirkt haben kann und wahrscheinlich hat sie das auch. Du denkst sehr schnell, du würdest stören, wärst nicht willkommen und würdest nicht interessieren und anstatt etwas zu sagen…wir sind uns manchmal so ähnlich.

Während ich mich mit ihm noch über die Pflegeleistungen der Mutter seiner Bekannten unterhalte und mühe habe, wer in dieser ganzen Geschichte nun eigentlich welche Rolle spielt, nebenbei irgendein Brötchen mit irgendeinem Belag esse, von dem ich hinterher keine Ahnung mehr habe, was es gewesen ist, bin ich schon längst gedanklich an dem Ort, zu dem wir gleich fahren werden. Ein Ort, der vollgestopft ist mit Erinnerungen, einsamkeit und Traurigkeit – vollgestopft mit weggestoßen werden und ungewollt sein, vollgepackt mit momenten, in denen ich doch gut genug gewesen bin, weil sonst niemand anderer da war. Aus diesem ganzen Haus brüllt uns eine Zeit entgegen, die, bei genauerem hinsehen nur der Schlüssel für eine tür ist um weitere Löcher aufzumachen. Vorausgesetzt natürlich, die richtigen sehen hin – für meinen Freund, der mich begleitet ist es wohl nur ein Haus, in das ich nicht gern gehe, weil ich früher mit der Schulklasse oft dort war. Er hat nie verstanden, was in der Grundschule für mich so schrecklich war und von dem, was außerhalb dieser Zeit passierte konnte ich ihm nie etwas erzählen. Sobald ich anfing, spürte ich sein „verstehen wollen“ und das tiefe Bedürfnis danach, die Dinge greifen, festhalten und einordnen zu können und gleichzeitig ließen seine Erfahrungen und seine eigenen Ansichten – seine Art, wie er die Dinge sah und sehen musste nicht zu, dass er versteht. Ich konnte ihm zusehen, ohne, dass er ein einziges wort hätte sagen müssen. Am ende dieser Versuche stand Abwehr, die mich jedes Mal um so härter traf.
Dennoch habe ich ihn gefragt, ob er mich fahren könnte und als wir das haus betraten, wusste ich warum. Ich wusste, dass von ihm keinerlei nachfragen kommen würden und auch kein: „geht es dir wirklich gut?“ das unter umständen alles ins wanken hätte bringen können. In diesem moment war ich vollkommen mit mir beschäftigt – mit dem, was es dort zu erledigen gab, mit dem, nicht in die Vergangenheit abzurutschen sondern in der Gegenwart und klar und handlungsfähig zu bleiben. Als „ich“ im Außen zu bleiben und zu agieren. Ich habe meinen Freund wahrgenommen – wie er neben mir stand und mich beobachtete. teilweise interessiert und neugierig, teilweise überrascht, weil er mich in einer solchen Situation noch nicht derart erlebt hat. Es war anstrengend, bei mir zu bleiben und mich nicht auf seine Emotionen zu konzentrieren. Es war schwierig, seine emotionen nicht als „hat was mit mir zu tun, muss ich jetzt reagieren“, zu deuten. Ich musste bei und in der Situation bleiben. Ich schaffte es dann auch, mich von den Erinnerungen und Gefühlen nicht überrollen zu lassen und blieb auch die ganze Zeit als „ich“ vorne. Es gab keine Zeitlücken und auch sonst lief es ganz gut.
Als ich wieder zu hause, in meiner Sicheren Wohnung saß, war ich einfach nur unendlich dankbar. Dankbar dafür, dass es dieses zu hause für mich überhaupt gibt, dass es sicher ist und ich das auch fühlen kann. Niemand dringt hier ein, niemand ist hier, wenn ich das nicht will. Ich kann und darf das entscheiden und manchmal, muss ich mir das immer und immer wieder sagen. weil es sich immer und immer wieder so fremd und so „nicht-meins“ anfühlt.
Kaum war ich zu Hause liefen auch schon die tränen aber das war okay. Ich fühlte traurigkeit, schmerz und irgendwas noch mehr, wofür ich den namen noch nicht kenne aber das macht nichts. es war da und dann war es okay.
Einige Stunden später, nach vielen Tränen, unmengen von unserem Lieblingstee, viel Deckenkuschelflausch und etwas mehr Klarheit im Kopf fühlt es sich ein bisschen an wie Abschied von diesem Ort und ja, auch ein bisschen von diesem Thema. Nein, nicht von den Gefühlen, die sind da aber etwas löst sich aus der Starre, bewegt sich und irgendwie fühlt es sich gut an. Auch wenn es unglaublich wehtut gerade.

Gestern ging es darum, wieder in die Gegenwart zurückzukommen und mich dort gut zu verankern – sehr hilfreich war für mich die „fünf-dinge“übung. Da „sehen“ ja bei mir nicht möglich ist konzentrierte ich mich auf die anderen Sinne. Fünf Dinge, die ich höre und obwohl es gestern sehr still war hatte meine Wohnung genügend Geräusche zu bieten. Fünf Dinge, die ich rieche und – ohja – auch da ließ sich etwas finden. Fünf Dinge, die ich spüre (im Sinne von anfassen) und auch in diesem Bereich hat meine Wohnung genug zu bieten. Egal ob es die dicken Blätter meiner Orchidee sind, das Holz meines Esstisches oder der schwache Duft nach Kaffee – als ich anfing, mich auf diese Dinge zu konzentrieren war es, als hätte ich eine Lawine losgetreten aber eine positive. Anfangs war es noch schwierig, die Eindrücke meiner Wohnung „festzuhalten“ und mich darauf zu konzentrieren aber es wurde nach und nach immer leichter.
Ich konnte fühlen, wie die Angst, das Gefühl der Bedrohung und die „beklemmung“ in den Hintergrund rutschten – sie verschwanden nicht aber wurden deutlich weniger. Je länger ich mich auf meine Umgebung konzentrierte, um so klarer wurde sie für mich. Zuerst war mir die Wohnung fremd, die Gerüche und Geräusche schienen irgendwie unbekannt zu sein aber nach und nach wurde sie wieder „meine“ und ich konnte das Gefühl für den Ort und die Zeit auch halten.
Anschließend hörte ich Musik, die es damals noch nicht gab und kochte mir scharfen Ingwertee.

„Mein“ morgen war ein Mittag aber das fiel mir erst auf, als ich auf die Uhr schaute – nun gut, sowas passiert nicht selten und eigentlich kenne ich das lange genug. Die Wohnung sah „anders“ aus, als ich sie gestern abend hinterlassen hatte – okay, auch sowas ist nicht neu und wird, je nach „zustand“ mit einem augenrollen, schmunzeln oder „och nö“ kommentiert. Alles nicht das erste mal und eigentlich erschreckt mich das auch lange nicht mehr so wie früher aber heute…ich weiß nicht wieso…heute war es wie damals, als ich von den anderen innen noch gar nichts wusste. Ich hatte einfach nur angst „jetzt völlig bekloppt“ zu werden und konnte mich lange nicht beruhigen. Selbst in dem moment, als von innen das Gefühl von Sicherheit und „alles ist gut, es ist nichts passiert“ zu mir nach außen kam blieb die Angst. Nach der Angst „bekloppt“ zu werden kamen die Befürchtungen, jemand von ihnen hätte „was schlimmes“ gemacht und spätestens in dem Moment war mir dann auch klar, dass ich in der Vergangenheit feststecke.
Also versuche ich jetzt, in die Gegenwart zurückzukommen und die Angst in den Griff zu kriegen, bevor sie durch die Decke schießt.

In mir ist eine Dunkelheit, die alles überdeckt und nur manchmal ein kleines Licht durchschimmern lässt. Diese Dunkelheit begleitet mich, so lange ich denken kann, mal ist sie stärker, mal wird sie zu einem lauernden Schatten in der hintersten Ecke meiner Seele.
Vielleicht liegt es an ihr, vielleicht ist es auch nur eine Phase, wie es sie immer wieder gab und gibt aber in letzter zeit fühle ich mich der Welt – den menschen – noch weniger zugehörig als sonst. Es ist nicht, dass mir der Platz in einer Gruppe oder der Teil einer Gemeinschaft zu sein fehlen würde. Es ist, als wäre ich ein Alien, das in der falschen Welt gelandet ist. Ich fühle mich nicht falsch – nicht in diesem Zusammenhang. Es gibt keine Wertung, kein richtig oder falsch und auch kein so oder so müsste. Es gibt nur das Gefühl, fremd zu sein und eigentlich irgendwo anders sein zu sollen.
Ich habe meine Freunde und ich fühle mich wohl bei ihnen.Es gibt menschen in meinem leben und dennoch bleibt das Gefühl, anders zu sein. Nicht die andersartigkeit, die jedem inne wohnt, nicht die eigenheiten, die den einzelnen ausmachen – es ist ein unüberbrückbares anders.sein. Eines, das unsichtbare mauern errichtet und dünne glasscheiben zwischen die Welt und mich zu ziehen vermag. Es ist die art anders.sein, die sich nicht greifen lässt und nur ein tiefes sehnen zurücklässt. Nicht danach, so zu sein wie alle anderen, sich ihrem anders.sein anzunähern sondern nach dem, was mir mein eigenes anders.sein in dieser welt verwehrt.

…war ein stiller Tag.
Ich habe vieles gemacht, was mir gut getan hat – Yoga, bin in Bücherwelten abgetaucht, war in der Badewanne und habe viel geschrieben. Ich habe die Außenwelt ausgesperrt – soweit es gut war und auch Computer und Smartphone wurden heute nur wenig benutzt.
Und vor allem war ich achtsam, was meine Gedanken angeht – dieses mal habe ich es kommen sehen – die Grübeleien, das zweifeln, die negativen Gedanken und das Abwerten, die Agression gegen mich und die Spirale, die immer weiter nach unten geht und meistens gelang es mir, die Gedanken zu stoppen und mich auf etwas anderes zu konzentrieren. Es gibt immer wieder Phasen, in denen ich stärker mit diesen Gedanken zu kämpfen habe – da sind sie immer aber nicht immer so extrem.

Ich kann den körper spüren. Nehme meine Umgebung wahr. höre mich, wie ich spreche. Schreibe hier. Denke. Fühle. Und trotzdem… Es fühlt sich an, als wäre ich nicht da. Nicht wirklich existent. Als würde es mich nicht geben und als hätte es das auch nie. Es gibt Beweise – dafür, dass ich da war – mit und in diesem Körper – mit mir und den anderen und trotzdem fehlt so oft das Gefühl dafür – für die eigene Existenz und das eigene Sein.
Manchmal erschreckt mich das und manchmal macht es mich traurig. Manchmal betrachte ich diesen Zustand einfach von Außen und empfinde nichts. Und manchmal, wie jetzt, muss ich aufpassen, mich nicht darin zu verlieren.

Es gibt tage, die sind so voller zweifel – nein, an denen bin ich voller zweifel. Voller zweifel und angst und beides frisst mich von innenheraus auf.
Da sind die Zweifel, die ich ganz klar greifen kann. Meine Gedanken können sie fassen und dafür sorgen, dass sie aufhören sich in immer und immer wieder den selben Spiralen nach unten zu drehen. Ich kann sie anschauen, kenne ihre tief verborgenen Ursachen im Damals und die kleinen, immer wieder nagenden Auslöser im heute. Der Kopf hält ihnen alles dagegen, was gegen sie spricht – immer und immer wieder und auch, wenn ich nicht fühlen kann, was der kopf da sagt, weil ich viel zu sehr gewohnt bin, alles zweifelnde sofort zu spüren, glaube ich dem verstand. der Logik. den guten Erfahrungen. dem guten. Ich glaube allem, was gegen diese Zweifel spricht, die nur noch zerstörung und noch mehr zerstörung wollen. Nein, diese Zweifel hier sind keine wohlwollenden Kritiker – schon lange nicht mehr.
Irgendwann gelingt es, sie ein bisschen zum schweigen zu bringen und gleichzeitig gelingt es mir, sie auf Distanz zu halten um wieder klar denken und fühlen zu können. Ohne all das zweifelverklebte, das nichts klares mehr zulässt. Ich schaffe Abstand, erkenne ihre Unlogik, ihre Muster, die immer wieder ablaufen.
Und dann gibt es noch die andere Art von Zweifeln. Die, die nicht klar als Gedanken formuliert oder als Gefühl klar benennbar sind. Die, die so tief irgendwo verborgen sind, dass ich sie weder mit Gefühl, noch mit Verstand und Logik bis jetzt erreichen konnte. Das sind die Art von Zweifel, die „ganz tief unten“ irgendwo rumoren, nicht greifbar aber dennoch spürbar sind. Belastend, wenn ich nicht gut achtgebe – erdrückend, wie in den letzten tagen.

Durchatmen. Innehalten. Stehenbleiben. Pause. Stop. Nur einen Moment.
Ich bin durch den gestrigen Tag gelaufen – ja, fast schon gerannt. Von hier nach da, von da nach dort. Ich war beim Sport, habe Dinge erledigt, eingekauft, zeug gemacht, mit menschen geredet. Gelebt irgendwie. Nebenbei gefühlt und gedacht, von beidem sehr viel. Trotz Erschöpfung immer in Aktion und auch in den Pausen stand der Kopf nicht still.
Ich habe mich beschäftigt und abgelenkt, so gut es ging. Weil es Themen gibt, die Überfordern – gefühle, die nicht (aus)haltbar sind. Besonders ein Thema löst Panik aus und jedes dran denken sorgt für Flashbacks, die ich erst einmal wieder in den Griff kriegen muss. Ich weiß, dass ich mich diesem Thema dennoch stellen muss aber nicht jetzt.